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Gespräch mit Herrn Thorsten Graeber, Vorstand des
Berlin/Brandenburger Arbeitskreises für Insolvenzrecht

Graeber

netzart: Ende März wurde der Berlin/Brandenburger Arbeitskreis für Insolvenzrecht gegründet. Thorsten Graeber ist Gründungsmitglied der ersten Stunde, er ist Richter in Potsdam.
Wie kam es zur Gründung des Vereins? Gibt es Vorbilder für diesen Verein, weshalb wird der Verein gerade jetzt gegründet?

Thorsten Graeber: Ein Vorbild gibt es. Es gibt seit 1949 einen Kölner Arbeitskreis für Insolvenzrecht. Der Verein tagt dort jeden Monat und es werden Vorträge über Konkursthemen im engeren und weiteren Sinne gehalten. Anschließend treffen sich die Mitglieder, um im privaten Kreis verschiedene Themen zu besprechen. Dort sind alle großen Namen des Konkursrechts versammelt: Der Vorsitzende dieses Vereins war lange Zeit Herr Professor Dr. Uhlenbruck, Konkursrichter vom Amtsgericht Köln, jetzt im Ruhestand. Er ist Autor des maßgeblichen Konkurskommentars. Da er außerdem noch selbst Konkursrichter war, also nicht nur Theoretiker sondern auch Praktiker, hat seine Meinung immer ein großes Gewicht.

Dieser Kölner Verein hat das Insolvenzsrecht stark geprägt. Man hatte in den 70-ziger Jahren die Idee, die Konkursordnung, die schon über 100 Jahre alt ist, etwas abzuändern. Dazu wurde auch der Kölner Arbeitskreis einbezogen, weil durch die Mitglieder großer Sachverstand vorhanden war.

netzart: Ist dieser Verein eine einmalige Einrichtung in Deutschland, oder gibt es noch andere Beispiele?

Thorsten Graeber: Es gibt noch ähnliche Vereine: Zum Beispiel gibt es den Gravenburger Kreis, das ist eine Vereinigung von Rechtsanwälten. In den neuen Bundesländern hatte sich dann nach der Wende der Wustrauer Arbeitskreis gebildet. In Magdeburg und Leipzig gibt es ebenfalls entsprechende Vereine. Maßgebend war in Deutschland immer dieser Kölner Arbeitskreis. Es werden Mitteilungen herausgegeben, wenn eine neue wichtige Entscheidung zum Insolvenzrecht getroffen wird, die Mitglieder werden über wichtige Veröffentlichungen informiert. Es ist bei der großen Zahl von Fachzeitschriften schwierig, den Überblick zu behalten. Der Kölner Verein ist nicht auf eine bestimmte Gruppe beschränkt, nicht nur Richter, nicht nur Verwalter, sondern ist für alle offen, die mit Insolvenz zu tun haben.

netzart: Die Idee für den Berlin/Brandenburger Verein ist dann aus dem Kölner Verein heraus entstanden?

Thorsten Graeber: Von Herrn Dr. Schröder, Herr Prof. Dr. Uhlenbruck und dem amtierenden Vorsitzenden des Kölner Vereins, Dr. Vallender, kam die Anregung für die Gründung des Vereins Berlin/Brandenburg. Herr Dr Schröder hat sich besonders dafür eingesetzt, Mitglieder zu finden, die auch aus verschiedenen Bereichen kommen, und es etwas anders zu machen als der Kölner Arbeitskreis. Einen weiteren Verein, der rechtstheoritische Vorträge über die Feinheiten der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes hält, das brauchen wir eigentlich nicht.

Graeber

netzart: Wie will sich denn der Berlin/Brandenburger Arbeitskreis von den bestehenden Vereinen abheben?

Thorsten Graeber: Unsere Intention ist eine andere. Wir wollen nicht nur die Profis des Insolvenzrechts zusammenbringen. Wir wollen gerade diejenigen, die in dem Konkursverfahren, Gesamtvollstrreckungsverfahren zu tun haben, ohne die es nicht geht und die keine Profis sind, an einen Tisch bringen.

netzart: Welche Gruppen sind das zum Beispiel?

Thorsten Graeber: Nehmen wir ein Beispiel: Da gibt es eine große Firma, die befindet sich in der Krise. Da gibt es die Phase, bevor sie zum Gericht kommt und versucht sich zu sanieren. Wenn das gescheitert ist, kommt sie zum Gericht, stellt den Antrag. Bevor das Gericht entscheiden kann, ob das Konkursverfahren eröffnet werden kann, muß noch etwas passieren: Sie muß begutachtet werden und eventuell muß entschieden werden, ob die Aufträge, die vielleicht noch da sind, abgearbeitet werden oder nicht. Das macht in der Regel ein vom Gericht eingesetzter Sequester, der später auch Konkursverwalter wird. Der Sequester soll das Vermögen sichern, damit in dieser Zeit nichts Negatives passiert. Die Position des Sequesters ist eine ganz unabhängige, da er kein persönliches Interesse vertritt. Die Verhandlungsposition mit Banken usw. ist für ihn sehr gut, und er kann Banken unter Umständen überzeugen, zwischenzeitlich noch einmal Geld zur Verfügung zu stellen, um beispielweise Aufträge zu Ende zu führen. Das gleiche gilt für die Gewerkschaften, mit denen er verhandelt. So gibt es unterschiedliche Gruppen, die beteiligt sind, die Banken, Gewerkschaften, Arbeitnehmer, vielleicht auch noch Lieferanten und Vermieter. Jeder einzelne hat eine Position, der die Weiterführung der Firma verhindern könnte. Dann müßte die Firma geschlossen werden, und Werte, die in einer bestehenden Firma stecken, wären verloren.

netzart: Also gibt es eine sehr breite Verflechtung zwischen sehr unterschiedlichen Bereichen?

Thorsten Graeber: Diejenigen, die in diesem Verfahren angesprochen werden müssen, sind keine Insolvenzexperten, d.h. sie kennen sich mit diesen Verfahren nicht aus und haben zuwenig Überblick. Im konkreten Fall bedeutet das für jeden einzelnen Geld. Viele Verfahren scheitern an dem Nichtwissen der Beteiligten. Nun haben wir ab Januar 1999 eine neue Insolvenzordnung, die ganz anders ist. Da verschärfen sich die Probleme noch einmal. Es kann nur besser gehen, indem man die Beteiligten in gewissen Sinne schult. Bisher gibt es dafür keinen Rahmen.

netzart: Bisher gab es keinen Rahmen dafür? Da setzt der Verein an und will die Situation verbessern?

Thorsten Graeber: Wir wollen die einzelnen Gruppen zusammenbringen. Die umfangreiche Literatur zum Insolvenzrecht ist nicht so theoretisch wir andere juristische Literatur, es geht um pragmatische Entscheidungen. Die Entscheidungen, die zu treffen sind, lassen sich aus der Insolvenzordnung nicht herausnehmen, weil es sich um wirtschaftliche Entscheidungen handelt. Man kann es nur schwer duch Bücher lernen, aber man könnte es vielleicht durch Seminare lernen. Seminare in dem Bereich sind teuer. Wenn wir Experten und Nichtexprten zusammenbringen, könnte die gesamte Praxis fallbezogen besprochen werden.

netzart: Es soll also nicht nur ein Verein für Experten sein, sondern letzten Endes die Situation der Betroffenen verbessern?

Thorsten Graeber: Wir brauchen natürlich die Experten in diesem Verein, damit die Nicht-Experten Ansprechpartner haben, aber es sollen nicht in erster Linie Fachgespräche sein. Die Intention ist es, für die Nicht-Experten etwas zu tun und sie einzubinden.

netzart: Welche Maßnahmen wollen Sie ergreifen, um Mitglieder zu werben und den Verein bekannt zu machen?

Thorsten Graeber: Um den Verein auf die Beine zu stellen, waren wir in der Gründungsphase 10 Mitglieder. Nachdem der Verein gegründet war, haben wir eine Präsentationsveranstaltung gemacht. Wir haben diejenigen eingeladen, die unserer Meinung nach daran interessiert sein könnten: Experten, Richter, Rechtspfleger aber auch Ansprechpartner von Banken, Versicherungen, Gewerkschaften, der Industrie und Handelskammer, der Handwerkskammer usw.. Gerade als Konkursverwalter hat man mit diesen Gruppen Kontakt. Die Veranstaltung fand in der Industrie- und Handelskammer in der Hardenbergstraße statt. Es waren ca. 150 Interessierte gekommen. Die Veranstaltung hatte eine gute Resonanz: es gab eine Menge Rückmeldungen im Sinne von: "das fehlte schon lange", "prima Idee".

netzart: Das ist ja schon ein sehr großer Kreis.

Thorsten Graeber: Von denjenigen, von denen mir die Mitgliedschaft bekannt ist, sind sehr interessante Persönlichkeiten dabei, die interessante Positionen innehaben, so daß man davon ausgehen kann, daß sie eine Menge Wissen weitergeben können. Wir brauchen natürlich Entscheidungsträger. Solange der Verein noch eine kleine Planungsgruppe hat, beschränken wir uns auf Vorträge, die praxisorientiert sein sollen. Ab Sommer wollen wir dann größere Veranstaltungen planen.

netzart: Wie sieht die Finanzierung aus, soll sich der Verein durch Mitgliedsbeiträge finanzieren?

Thorsten Graeber: Bislang lassen sich die Kosten schwer einschätzen. Bisher können wir die Räume der Industrie- und Handelskammer nutzen. Wir haben jetzt erst einmal die Kosten für die Mitgliedschaft festgelegt: Das sind 500 DM im ersten Jahr, 200 DM Aufnahme und 300 DM Mitgliedschaft. Das ist so viel nicht. Wir streben die Gemeinnützigkeit an. Für Referenten werden wir natürlich Geld brauchen. Wir werden sehen, ob wir mit den Mitgliedsbeiträgen auskommen, ansonsten denken wir auch daran mögliche Sponsoren anzusprechen, z. B. Banken.

netzart: Ist es denn geplant, eine Geschäftsstelle einzurichten und unter Umständen auch ein Informationsblatt herauszugeben, ist das eine langfristige Planung?

Thorsten Graeber: Das ist eine langfristige Planung. Bisher sind wir noch zu wenige. Die Schreibarbeit wird bisher zum Teil von Herrn Dr. Schröder, z T. von Herrn Olufs, unserem Schatzmeister, erledigt. Da können wir natürlich dankbar sein, daß diese Arbeit im Moment von den beiden kostenfrei übernommen wird. Es ist geplant, mit dem Kölner Verein zusammenzuarbeiten. Es ist angedacht, daß die Mitglieder des Berlin/Brandenburger und des Kölner Vereins jeweils zu allen angebotenen Veranstaltungen beider Vereine Zugang haben .

netzart: Es wird jetzt vornehmlich das Ziel sein, möglichst viele Mitglieder zu gewinnen? Was sind jetzt erst einmal die Prioritäten für den Verein?

Thorsten Graeber: Viele Mitglieder zu werben, möglichst die richtigen Mitglieder, wichtige Leute aus Industrie und Handelskammer, die Banken, Gewerkschaften usw. und ein interessantes Programm aufzustellen. Das hängt wiederum ganz stark von den Mitgliedern ab. Ich fände es schade, wenn es ein Verein würde, in dem viele Karteileichen dabei sind. Wir werden auch gezielt Mitglieder ansprechen, die dann ihre Erfahrung mit einbringen können. Wir haben uns zunächst vorgenommen, jeden Monat eine Veranstaltung zu machen: Wir müssen uns ein Thema ausdenken, überlegen, wie wir an das Thema herangehen, wen können wir für das Thema gewinnen, gibt es Referenten, wer tritt in Kontakt mit den Referenten und macht die Termine klar. Dafür brauchte man im Prinzip eine Geschäftsstelle, bzw. jemand, der das macht, wo die Fäden zusammenlaufen. Es muß eine Broschüre erarbeitet werden, mit der wir uns bei neuen Mitgliedern vorstellen können. Eine gute Pressearbeit ist natürlich von Bedeutung, und da jetzt die neue Insolvenzordnung auf uns zukommt, wird es natürlich viele Journalisten geben, die hierfür Experten suchen. Da wäre es natürlich gut, wenn wir als Verein den kompetenten Gesprächspartner vermitteln können, der unabhängig von eigener Interessenslage Informationen zur Verfügung stellen kann.

netzart: Ich bedanke mich ganz herzlich für das Gespräch und wünsche Ihnen für den Verein viel Erfolg!

Das Gespräch führte Dr. Juliane Laschke für netzart.