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Unternehmensentwicklung 1999
Gipfel der Insolvenzen überschritten
Der Abdruck des Textes erfolgt mit
freundlicher Genehmigung des
Verbandes
der Vereine Creditreform e.V.
Mit 33.500 Gesamtinsolvenzen - davon 27.400 Unter-nehmensinsolvenzen - sind 1999 in Deutschland weniger Pleiten zu registrieren als im Vorjahr (minus 1,4 Pro-zent bzw. minus 1,5 Prozent). Die positive Entwicklung in den alten Bundesländern wirkt sich stärker auf die Gesamtzahlen aus: Mit 23.800 Gesamtinsolvenzen (minus 2,6 Prozent) bei 18.700 Unternehmensinsolvenzen (minus 2,7 Prozent) werden im Westen die Zahlen des Vorjahres deutlich unterschritten (1998 Gesamtinsolvenzen: 24.432; Unternehmensinsolvenzen: 19.213). Bei den Unternehmenszusammenbrüchen hatte es bereits zum Jahresultimo 1998 einen leichten Rückgang gegenüber 1997 gegeben (minus 0,7 Prozent).
Neue Länder: Noch keine Wende
In den neuen Ländern ist die Zahl der Insolvenzen auch 1999 leicht angestiegen: 9.700 Gesamtinsolvenzen und 8.700 Unternehmensinsolvenzen bis zum Jahresultimo bedeuten eine Steigerung von 1,6 Prozent bzw. 1,0 Prozent. Auch wenn noch keine positiven Zahlen geschrieben werden können, ist doch der Trend klar. Von Jahr zu Jahr verringern sich die Steigerungsraten der Insolvenzen in Ostdeutschland - es ist zu hoffen, dass die Zahl der Unternehmenszusammenbrüche im letzten Jahr des Jahrzehnts den Höhepunkt darstellt.
Möglichkeiten der neuen Insolvenzordnung wenig genutzt
Am Ende des letzten Jahres waren an dieser Stelle für 1999 40.000 Gesamtinsolvenzen prognostiziert worden. Dabei wurde angenommen, dass es zu einer Vielzahl von Verfahren in der neuen Verbraucherinsolvenz kommen würde. Bei den Unternehmensinsolvenzen war mit einer Stagnation gerechnet worden.
Tatsächlich sind die Fallzahlen der bei den Gerichten anhängigen Verbraucherinsolvenzverfahren sehr gering - der Ansturm, den man befürchtet hat, ist ausgeblieben. Für das Jahr 1999 ist nur von 1.500 Fällen auszugehen. Dabei verstärkt sich der Wunsch von Privatpersonen, sich über ein Insolvenzverfahren zu entschulden, von Monat zu Monat. Sind erst die Hürden beseitigt, die sich vor der Zulassung zum Verfahren durch die überlasteten Schuldnerberatungsstellen ergeben, so könnte es leicht zu einer Zunahme um 5.000 bis 10.000 Fälle kommen.
Für das Jahr 2000 ist damit - vor allem, wenn die vielfach geforderte Entbürokratisierung in der Verbraucherinsolvenz Wirklichkeit wird - von rund 38.000 Gesamtinsolvenzen auszugehen. Bei optimistischer Prognose wird die Zahl der Unternehmensinsolvenzen im nächsten Jahr noch einmal leicht auf rund 26.000 betroffene Betriebe zurückgehen.
Wenig Gebrauch gemacht wurde auch von den Optionen, die die neue Insolvenzordnung im Unternehmensbereich zur Verfügung stellt. Die Möglichkeit, bereits bei drohender Zahlungsunfähigkeit einen Insolvenzantrag zu stellen, oder der Insolvenzplan, mit dessen Hilfe ein Betrieb im Zusammenspiel von Insolvenzverwalter, Gläubigern und der Geschäftsführung saniert werden kann, ist kaum einmal zustande gekommen.
Der Fall Holzmann
Das Debakel des Holzmann-Konzerns hat zum Ende eines Jahrzehnts der Großpleiten und der Insolvenzrekordjahre noch einmal deutlich gemacht, dass von Entwarnung bei den Unternehmenszusammenbrüchen nicht die Rede sein kann. Die "Beinahe-Insolvenz" des Baukonzerns hat eine juristische, eine branchenspezifische und eine politische Dimension.
Für die rechtliche Seite ist zu bedauern, dass der Insolvenzantrag zurückgezogen worden ist. Das Unternehmen wäre ein Testfall für die neue Insolvenzordnung geworden. Was die neue Insolvenzordnung erstrebt - eine Sanierung und den Ausgleich der Ansprüche von Gläubiger und Schuldner in einem geordneten Verfahren - ist nicht zum Zuge gekommen. Dabei waren die Chancen gut, die Sanierung beispielhaft für weitere Fälle durchzuführen.
Die branchenspezifische Dimension des Falles Holzmann wird durch die konjunkturelle und strukturelle Situation des Baugewerbes bestimmt. Obwohl in Westdeutschland durchaus ein Hoffnungsschimmer besteht, die seit fünf Jahren währende Talsohle zu verlassen, kann von einer wiederanziehenden Baukonjunktur nicht die Rede sein. Das Baugewerbe hat in den letzten fünf Jahren 250.000 Mitarbeiter verloren und einen Umsatzrückgang von rund zehn Prozent hinzunehmen gehabt. Mit den dürftigsten Eigenkapitalquoten (unter zehn Prozent Eigenkapital: 40,2 Prozent der Baubetriebe) stehen viele bilanziell in der Überschuldung. Hinzu kommt: Unter allen Branchen warten Baubetriebe am längsten auf den Zah-lungseingang - nach über drei Monaten können 5,7 Prozent der Betriebe immer noch keinen Zahlungseingang verzeichnen.
In diesem Jahr wird es zu knapp 7.500 Insolvenzen im Baugewerbe kommen. Das sind zwar rund 350 Fälle weniger als 1998, doch bleibt der Bau der am meisten gefährdete Branchenbereich. In Ostdeutschland stellt das Baugewerbe fast jede zweite Pleite (39,2 Prozent), in Westdeutschland ist es jede fünfte (21,6 Prozent Anteil am Gesamtinsolvenzaufkommen).
Im Durchschnitt aller Branchen kommt es in Westdeutschland zu rund 60 Insolvenzen auf 10.000 Betriebe, in Ostdeutschland sind es rund 150 Insolvenzen auf 10.000 Unternehmen. Einzelne Baubereiche haben ein bis zu sechsmal höheres Risiko. Auf den ersten sechs Plätzen des Insolvenzrisikos befinden sich fünf Baubranchen mit Insolvenzquoten zwischen 370 und 490 Betriebe auf 10.000 Unternehmen dieses Wirtschaftsbereichs.
Mittelstand trägt die Insolvenzen
Die "Rettung" des Holzmann-Konzerns vor dem Hintergrund der mittelständisch geprägten Insolvenzlandschaft macht deutlich, wie wenig Interesse die Wirtschaftspolitik tatsächlich am Mittelstand hat. Es ist Aufgabe der Politik, gerade bei schwieriger Konjunktur und den bekannten Überkapazitäten, die Misere der mittelständischen Bauwirtschaft zu erleichtern und nicht die Fehlsteuerungen eines Konzerns und ihre Folgen zu "sozialisieren". Die hohen Lohnnebenkosten sind zu reduzieren, damit ein Lohndumping der Baubetriebe aus dem benachbarten Ausland nicht die Wettbewerbsbedingungen verzerrt. Die Baukosten in Deutschland sind zu hoch, aber in den Bauvorschriften und den Genehmigungsverfahren wird nichts geändert. Bei den öffentlichen Aufträgen wird gespart und die Kassen werden durch das Ausschöpfen langer Zahlungsziele geschont. Die Hilfen für Holzmann gehen auf Kosten des mittelständischen Baugewerbes.
Lasten und Kosten der Insolvenzen
Wäre Holzmann ins Insolvenzverfahren gegangen, so wären die Gesamtschäden bei den Insolvenzen gegenüber dem Vorjahr wohl nicht gesunken. 1999 haben private und öffentliche Gläubiger einen Schaden von 54 Mrd. DM erlitten - im Vorjahr betrug die Summe der Schäden noch 59 Mrd. DM. Während in Westdeutschland private Gläubiger 25 Mrd. DM verloren, sind es in Ostdeutschland 10 Mrd. DM. Die Öffentliche Hand verlor in den alten Bundesländern 12 Mrd. DM und in Ostdeutschland 7 Mrd. DM.
Rückläufig sind auch die Arbeitsplatzverluste: Im Westen der Republik verloren rund 291.000 Personen, in Ostdeutschland 180.000 Beschäftigte den Arbeitsplatz durch das Aus für ihren Arbeitgeber. Im Vorjahr waren es im Westen 313.000 Betroffene, in Ostdeutschland 188.000. Ein "typisches" insolventes Unternehmen beschäftigt nicht 30.000, sondern höchstens 20 Beschäftigte. Rund 90 Prozent aller Insolvenzanträge werden von Betrieben dieser Größenordnung gestellt.
Gründer weniger aktiv
In Westdeutschland ist das Gründungsgeschehen weniger turbulent als im Vorjahr. Insgesamt wurden 1999 722.000 neue Betriebe in die Register eingetragen (Vorjahr: 715.000). Dem stehen 591.000 (Vorjahr: 585.500) Löschungen gegenüber. Vom Saldo von 131.000 Betrieben (Vorjahr: 129.000) sind die nicht wirtschaftsaktiven Eintragungen abzuziehen, die 1999 im Westen der Republik 35.000 (38.800) Einheiten betragen. Unter dem Strich stehen damit 96.000 neue wirtschaftsaktive Betriebe - immerhin ein Zuwachs von 6,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr (90.400).
Gerade bei der Zahl der wirtschaftsaktiven Gründer haben die neuen Länder einen deutlichen Rückschritt gegenüber dem Vorjahr hinzunehmen. Waren 1998 noch mehr als 21.000 aktive Firmen zu zählen, so sind es in diesem Jahr noch 14.000 (minus 34,6 Prozent).
Ostdeutschlands Gewerberegister haben 1999 138.000 Neueintragungen zu verzeichnen (Vorjahr: 143.400) - dem stehen 119.000 Löschungen gegenüber.
Dienstleister schaffen Arbeitsplätze
Der Weg zur Dienstleistungsgesellschaft ist nicht umkehrbar: Im Tertiärsektor machen sich rund 80 Prozent der Existenzgründer selbstständig. Bedenklich stimmt aber die hohe Zahl von Gründern im ostdeutschen Baugewerbe: Jede fünfte Gründung findet in diesem krisenanfälligen Bereich statt (Westdeutschland: zehn Prozent der Neugründer).
Rund 270.000 Arbeitsplätze werden durch Neugründer geschaffen. Den Löwenanteil stellt der Dienstleistungs-bereich: Obwohl bei der Gründung nur zwei Beschäftigte gebraucht werden, sind es insgesamt rund 120.000 neue Stellen, die aus diesem Zukunftssektor 1999 hervorgegangen sind.
Auch wenn das Gründungsgeschehen sich 1999 etwas zurückhaltender zeigt, geben doch die Branchen und die Zahl der Arbeitsplätze bei einem insgesamt positiven Saldo im Verhältnis von Neueintragungen und Löschungen weiter Anlass zur Hoffnung.
Neuss, 02. Dezember 1999