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Insolvenzen in Europa 1999/2000
Insolvenzsituation in Europa weiter entspannt

Der Abdruck des Textes erfolgt mit freundlicher Genehmigung des
Verbandes der Vereine Creditreform e.V.

 Im Jahre 1999 sind in Westeuropa 182.200 Insolvenzen zu zählen - im Jahre 1998 waren es noch 190.300 (Rückgang: 4,3 Prozent). 15 Staaten der Europäischen Union sowie die Schweiz und Norwegen sind in die vorliegende Insolvenzstatistik eingegangen.

Gewinner und Verlierer

Deutschland (minus 1,4 Prozent), Frankreich (minus 24,0 Prozent), Italien (minus 14,7 Prozent), die Niederlande (24,5 Prozent), Schweden (minus 20,7 Prozent) und Spanien (minus 14,1 Prozent) registrieren 1999 gegenüber 1998 einen Rückgang der Insolvenzen. Gegen diesen aktuellen Trend haben Großbritannien (plus 25,1 Prozent), Irland (plus 21,0 Prozent) und Österreich (21,6 Prozent) die markanteste negative Entwicklung bei den Konkursen aufzuweisen. Insgesamt haben sieben Staaten Westeuropas Insolvenzsteigerungen hinzunehmen - zehn Staaten des Kontinents erfreuen sich einer rückläufigen Insolvenzentwicklung im Jahre 1999.

Insolvenzen in Europa 1998/99

Land

1999

1998

Veränderung in Prozent

Belgien

7.200

6.925

+ 4,0

Dänemark

1.700

1.800

- 5,6

Deutschland

33.500

33.947

- 1,4

Finnland

3.100

3.136

- 1,1

Frankreich

41.800

55.000

- 24,0

Griechenland

950

871

+ 9,1

Großbritannien

46.900

37.500

+ 25,1

Irland

830

686

+ 21,0

Italien

12.800

15.000

- 14,7

Luxemburg

560

423

+ 32,4

Niederlande

3.800

5.031

- 24,5

Norwegen

3.200

3.347

- 4,4

Österreich

8.900

7.319

+ 21,6

Portugal

410

380

+ 7,9

Schweden

7.300

9.200

- 20,7

Schweiz

8.500

8.850

- 4,0

Spanien

770

896

- 14,1

Gesamt

182.220

190.311

- 4,3

Längerfristig positive Entwicklung

Der Höhepunkt der Insolvenzwelle in Europa war Anfang der neunziger Jahre hinzunehmen. Seit 1994 (206.430 "breakdowns") bewegen sich die Insolvenzzahlen im Durchschnitt Westeuropas nach unten: Zwischen 1994 und 1999 um minus 11,7 Prozent.

In diesem längerfristigen Trend hat sich vor allem Deutschland mit einem Zuwachs von 34,4 Prozent negativ hervorgehoben, während die skandinavischen Länder, aber auch Frankreich, die Niederlande, Italien und Spanien die Stabilität ihrer Unternehmen verbessern konnten.

Insolvenzentwicklung in Europa von 1994 bis 1999 (in Prozent)

positiv

negativ

Dänemark

- 53,9

Luxemburg

+ 85,4

Spanien

- 53,8

Österreich

+ 83,5

Schweden

- 53,4

Portugal

+ 67,4

Finnland

- 44,1

Deutschland

+ 34,4

Niederlande

- 42,8

Irland

+ 29,7

Frankreich

- 26.1

Belgien

+ 13,3

Italien

- 22,5

Griechenland

+ 7,4

Norwegen

- 21,7

Schweiz

- 17,9

Großbritannien

- 1,3

Kündigungsgrund Insolvenz

Europas Insolvenzgeschehen konzentriert sich auf Kleinbetriebe mit weniger als zehn Mitarbeitern. Außer in Deutschland (70 Prozent) und in den Niederlanden (67 Prozent) beschäftigen mehr als 90 Prozent aller Konkursunternehmen in Europa höchstens neun Mitarbeiter. Insgesamt ist für das Jahr 1999 in Westeuropa eine Zahl von 1,4 Millionen Arbeitsplatzverluste durch Insolvenzen zu veranschlagen; immerhin ein deutlicher Fortschritt gegenüber dem Vorjahr mit 1,6 Millionen Betroffenen. 1996 waren noch 1,7 Millionen Beschäftigte insolvenzbedingt freigesetzt worden.

Hoher Unternehmensumsatz in der Union

Ende der neunziger Jahre agieren mehr als 18 Millionen Unternehmen in der Europäischen Union, die mehr als 110 Millionen Menschen beschäftigen. Mehr als 99 Prozent der Betriebe gehören zum Mittelstand. Jedes Jahr entstehen rund zwei Millionen neue Unternehmen, und es werden zwischen 1,6 und 1,8 Millionen Betriebe in den Registern gelöscht. Entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung in Europa sind die "big five": Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien vereinigen 80 Prozent aller Unternehmen, Beschäftigten und des Umsatzes der Gemeinschaft auf sich. In diesen Ländern dominiert der Tertiärsektor das Gründungsgeschehen - sei es der Handel oder die Dienstleister. Italien weist den geringsten Dienstleistungsanteil bei den Existenzgründern auf (32,5 Prozent), Deutschland den höchsten (53,0 Prozent). In Italien haben auch das Verarbeitende Gewerbe (15,4 Prozent) und das Baugwerbe (16,3 Prozent) ein hohes Gründungsaufkommen - in den anderen "Großen Vier" liegen die Gründungen im Verarbeitenden Gewerbe deutlich unter zehn Prozent der gesamten Gründungsbilanz.

Pleitebranchen

Auch wenn Dienstleister und Handel die meisten Insolvenzen unter allen Wirtschaftsbereichen stellen - so bleiben sie doch unter den Anteilen, den diese Branchen am Gründungsgeschehen halten. Zwischen 14 Prozent (Spanien) und 37 Prozent (Deutschland) liegt der Part der Dienstleister am Insolvenzaufkommen im jeweiligen Land. Im Handel beträgt der Anteil zwischen 25 Prozent (Spanien) und 52 Prozent (Belgien und Norwegen). Dem gegenüber weist das Verarbeitende Gewerbe mit einem Part zwischen 10 Prozent (Belgien) und 42 Prozent (Spanien) relativ (bezogen auf das Gründungsaufkommen) ein hohes Insolvenzaufkommen auf. Negativ von sich reden macht der Bausektor in allen europäischen Ländern: Der Anteil dieses Wirtschaftsbereichs an den Insolvenzen beträgt zwischen 12 Prozent (Belgien) bis zu 27 Prozent (Deutschland).

Kapitalschwäche im Mittelstand

Der sicherste Weg, eine Insolvenz zu vermeiden, ist ein hoher Eigenkapitalanteil. Gerade in Deutschland weisen mittelständische Betriebe mit einer Eigenkapitalquote zwischen 10 und 20 Prozent nur wenig Stabilität aus. In Großbritannien oder in den Niederlanden haben Mittelständler Eigenmittel in Höhe von über 50 Prozent der Bilanzsumme auszuweisen.

Nicht nur bei den Eigenkapitalquoten, sondern auch bei den Wegen, Eigenkapital zu beschaffen, sollten sich Mittelständler an großen Unternehmen orientieren. Französische und britische Unternehmen nutzen in sehr viel höherem Maße als deutsche den freien Kapitalmarkt. In Deutschland finanzieren sich große Unternehmen (mehr als 100 Mio. DM Umsatz) nur zu rund sieben Prozent der Bilanzsumme über Bankkredite - bei den Kleinunternehmen (weniger als fünf Mio. DM Umsatz) werden 40 Prozent der Bilanzsumme von der Bank finanziert.

Aber auch in Deutschland steht eine Änderung des "Hausbankprinzips" bevor: Der Baseler Akkord verpflichtet die Kreditgeber zu mehr Eigenkapital, wenn sie unter ihren Kreditnehmern hohe Ausfallrisiken haben. Gerade der anfällige Mittelstand (und insbesondere Neugründer) werden also zum "teuren Risiko" für die Banken. Der Ausweg wird also auch für Deutschlands Mittelstand in Zukunft über den freien Kapitalmarkt laufen. Hinzu kommt nämlich, dass das deutsche Insolvenzrecht die Sicherungsmöglichkeiten der Banken im Insolvenzfalle beschneidet. Die Entwicklung in Frankreich, das bereits seit 1994 eine Insolvenzrechtsreform besitzt, zeigt, dass die Betriebe eine stärkere Eigenfinanzierung betreiben. Allerdings hat sich in Frankreich auch die Finanzierung über Lieferantenkredite ausgedehnt.

Liquiditätsmangel durch lange Zahlungsfristen

Das Ausschöpfen von Lieferantenkrediten ist eine der wichtigsten Insolvenzgründe in Europa. In Belgien, Griechenland, Italien und Spanien - und eben auch in Frankreich - werden die Probleme um die Zahlungsverzögerungen und um Zahlungsausfälle als einen der Hauptgründe für die Pleite genannt.

In sechs Ländern Europas haben sich die Zeiträume, die bis zum Zahlungseingang verstreichen, verkürzt. Wer Waren nach Italien (92 Tage), Frankreich (60 Tage) oder Belgien (63 Tage) liefert, muss lange auf sein Geld warten. Dagegen dauert es in den Niederlanden (44 Tage), Deutschland (41 Tage) und in Schweden (31 Tage) weniger lange, bis der Zahlungseingang registriert werden kann.

Rahmenbedingungen für den Mittelstand verbessern

Die Steuerreform bringt wohl eine Entlastung für die Unternehmen hierzulande. Damit liegt man bei den Unternehmenssteuern zwar 19 Prozent unter dem französischen Wert - insgesamt aber immer noch 19,6 Prozent über dem niederländischen und sogar 32 Prozent über der Steuerlast britischer Unternehmen.

Wie dringend erforderlich eine Steuerentlastung für die Betriebe in Deutschland war und ist, zeigen auch die Nettorenditesituationen in Europa. Länder mit einer verbesserten Insolvenzsituation haben auch gute Umsatzrenditen vorzuweisen: Die Nettoumsatzrendite in Großbritannien beträgt 5,7 Prozent, in Schweden 5,1 Prozent und in den Niederlanden 4,8 Prozent - in Deutschland 3,0 Prozent. Wie signifikant der Zusammenhang zwischen Rendite und Insolvenzneigung im einzelnen Land ist, zeigen die Branchen noch prägnanter. Stark insolvenzgefährdete Wirtschaftsbereiche wie Bau und Handel erzielen in Deutschland Nettoumsatzrenditen von 0,6 bzw. 1,7 Prozent. Großbritanniens Bausektor erreicht 3,6 Prozent Gewinn, in den Niederlanden liegt er bei 3,2 Prozent.

Deutschland hatte sich im Verlauf der neunziger Jahre negativ als eines der Länder mit hohem Insolvenzaufkommen profiliert. Bedeutet der leichte Rückgang 1999 schon einen "turn around"? Andere europäische Länder - Großbritannien, Frankreich, die Niederlande oder Schweden - zeigen, dass die wirtschaftspolitisch geprägten Rahmenbedingungen - etwa im Steuerrecht - sowie die Möglichkeiten, den freien Kapitalmarkt zu nutzen, eine entscheidende Rolle für die Stabilität der Unternehmen spielen. Bei einer in Deutschland und Westeuropa guten Konjunkturentwicklung könnte eine Verbesserung der Finanzierung für ein weiteres Absinken der Pleiten in der Gemeinschaft sorgen.

Neuss, 01. Februar 2000